Vom Zuhören, Mitmachen und Selbermachen

Wie aus „Des Kaisers Nachtigall“ ein musikalisches Abenteuer für kleine und große Gäste wird

Was passiert heute eigentlich? Um was geht es? „Um eine Nachtigall“, weiß ein Kind vor dem Konzert. „Um einen König“, ergänzt ein anderes. Ob die Kinder später selbst einmal auf die Bühne kommen? Das weiß noch niemand so genau.

Ein Mädchen lässt sich ohnehin lieber überraschen. Sie war vor Kurzem im Theater in Münster und wusste danach vor allem eines: „Mama, ich möchte noch mal in ein Theater.“ Ihre Mutter erzählte es der Oma und so landeten Karten für das Familienkonzert des meetMUSIC Open Air in der Familie.

Eine gute Entscheidung, wie sich an diesem sonnigen Samstagnachmittag noch zeigen wird.

Vor der Bühne im Park von Draiflessen liegen bunte Sitzsäcke bereit. Hier nehmen die jüngsten Konzertgäste Platz, ganz nah am Geschehen. Isabella van Hamme, Künstlerische Leitung des meetMUSIC Open Airs, eröffnet den Nachmittag und holt als erstes Nico Gutu auf die Bühne.

Gutu spielt Akkordeon. Das Instrument des Jahres 2026 und an diesem Nachmittag weit mehr als musikalische Begleitung.

Denn gleich wird daraus eine Nachtigall. Ein Kaiserhof. Eine Zwitschermaschine. Und irgendwann sogar eine ganze Polonaise.

Ein goldenes Buch und ein „Weißichnicht“

Nach dem ersten Musikstück kommt Malte Arkona auf die Bühne. Schwarz-silbern glitzert seine Jacke, in den Händen hält er ein goldenes Buch. Doch statt sich mit gebührendem Abstand zum Publikum auf die Bühne zu setzen, nimmt er auf den Stufen direkt bei den Kindern Platz.

Und beginnt zu erzählen.

„Des Kaisers Nachtigall“, das berühmte Märchen von Hans Christian Andersen, wird an diesem Nachmittag zur musikalischen Geschichte. Malte erzählt, Nico Gutu antwortet mit seinem Instrument. Musik und Sprache wechseln sich ab, ergänzen sich und ziehen die Kinder immer tiefer hinein in die Welt des Kaisers und seiner Nachtigall.

Doch lange bleibt es nicht beim Zuhören.

Nico spielt einen Ton. Malte schaut zu den Kindern: Was könnte das für ein Tier sein?

„Weiß ich nicht“, lautet eine Antwort.

Und schon ist ein neues Wesen geboren: ein „Weißichnicht“.

Wie sieht so ein Weißichnicht wohl aus? Weitere Kinder werden gefragt, Nico lässt neue Töne erklingen und plötzlich wird aus Andersens Geschichte auch ein kleines bisschen die Geschichte der Kinder vor der Bühne.

Eine Nachtigall mit pinken Federn

Dann wechselt Nico Gutu das Instrument.

Auf der Melodica erklingt die echte Nachtigall. Und damit wirklich keine Zweifel bestehen, wer hier gerade singt, setzt sich Gutu jedes Mal eine Kopfbedeckung mit leuchtend pinken Federn auf.

Die Kinder lachen.

Malte erzählt weiter: Der Kaiser möchte die Nachtigall an seinem Hof empfangen. Natürlich muss dafür alles tadellos aussehen.

Also verlässt der Erzähler seinen Platz und inspiziert kurzerhand den gesamten Park.

Brezelkrümel? Geht gar nicht.

Bitte gerade sitzen.

Das Handy? Weg damit.

Und die Stühle müssen natürlich auch ordentlich stehen.

Schließlich kommt hoher Besuch.

„Die Nachtigall kriegt ja einen Vogel!“

Wieder Gelächter.

Genau so funktioniert dieser Nachmittag. Malte Arkona erzählt die Geschichte nicht vor den Kindern – er erzählt sie mit ihnen. Immer wieder wird gefragt, geantwortet, ausprobiert und gespielt.

Als im Märchen alle „entzückt“ sind, muss erst einmal geklärt werden, wie Entzückung überhaupt aussieht. Linke Schulter hoch. Rechte Schulter hoch. Jetzt im Takt. So geht Entzückung.

Kurz darauf zuckt ein ganzer Park gemeinsam vor Entzückung.

Zi-Zi-Zi. Kluck-Kluck-Kluck.

Auch die künstliche Nachtigall hält Einzug am Kaiserhof.

Ein Kind übernimmt kurzerhand die Rolle der DHL-Botin und bringt das Paket zum Kaiser. Darin: der funkelnde Kunstvogel. Eine perfekte kleine Zwitschermaschine, die immer wieder dasselbe Lied spielen kann.

Und natürlich braucht auch die ihren eigenen Klang.

„Zi-Zi. Kluck-Kluck.“

Das Publikum probiert.

Dann schwieriger:

„Zi-Zi-Zi. Kluck-Kluck-Kluck.“

Malte teilt Kinder und Erwachsene in zwei Gruppen. Die eine übernimmt den ersten Rhythmus, die andere den zweiten. Dann wird getauscht.

Aus Zuhörer:innen wird ein Chor.

Mal sind die Kinder ganz still und verfolgen gebannt, wie die Geschichte weitergeht. Wenige Augenblicke später rufen, singen und bewegen sie sich wieder voller Begeisterung mit.

Auch musikalisch verändert sich die Welt des Märchens immer wieder. Neben Akkordeon und Melodica setzt Nico Gutu einen Synthesizer ein und gibt damit auch der angeschlagenen künstlichen Nachtigall ihren ganz eigenen, etwas sonderbaren Klang.

Auf dem großen Bildschirm meldet sich zwischendurch der Kaiser höchstpersönlich zu Wort.

Eine Geschichte, viele Klangwelten und mittendrin die Kinder.

Und plötzlich zieht eine Polonaise durch den Park

Doch irgendwann wird es ernst im Märchen. Der Kaiser ist schwer krank. Die künstliche Nachtigall kann ihm nicht helfen.

Die echte kehrt zurück.

Mit ihrem Gesang gelingt schließlich, was der glänzende Kunstvogel nicht vermag: Der Kaiser wird wieder gesund.

Und wenn ein Kaiser dem Tod noch einmal von der Schippe springt, muss das natürlich gefeiert werden.

Nico dreht die Musik auf.

Malte steht auf.

Und Sekunden später setzt sich eine Polonaise in Bewegung.

Kinder schließen sich ihm an und ziehen freudestrahlend durch den Park, zwischen Stuhlreihen und Sitzsäcken hindurch und wieder an der Bühne vorbei. Aus dem Märchen ist endgültig ein gemeinsames Fest geworden.

Eine erwachsene Besucherin bringt nach dem Konzert auf den Punkt, was sie daran besonders mochte: „Der Erzähler hat das richtig gut umgesetzt – mit Beteiligung der Zuschauerschaft. So eine richtig lebendige Geschichte.“

Und ein Kind weiß ebenfalls sofort, was besonders war:

„Ich fand toll, dass wir so viel machen durften.“

Jetzt sind die Kinder dran

Mit dem Ende der Geschichte ist dieser Nachmittag noch lange nicht vorbei.

Denn nun dürfen die Kinder dorthin, wo sie vor dem Konzert noch nicht wussten, ob sie überhaupt hinkommen würden: direkt zu den Instrumenten und sogar auf die Bühne.

Nico Gutu zeigt, erklärt und beantwortet Fragen. Melodica, Akkordeon und weitere Instrumente können aus der Nähe betrachtet und selbst ausprobiert werden. Wer sich an das große Akkordeon wagt, darf dafür auf der Bühne Platz nehmen.

Und plötzlich sind es die Kinder, die Klänge erzeugen.

Was war am besten? Die Antworten nach dem Konzert kommen ziemlich schnell:

„Selber spielen.“

„Als wir es ausprobieren durften.“

Ein anderes Kind findet gleich mehrere Dinge: „Die Geschichte fand ich richtig gut. Die Polonaise war auch cool.“

Und auf die Frage, was überhaupt am besten gefallen hat, gibt es noch eine Antwort, gegen die jede ausführliche Konzertkritik ziemlich blass aussieht:

„Alles.“

Vielleicht ist das auch die schönste Dramaturgie dieses Familienkonzerts.

Am Anfang sitzen die Kinder auf bunten Sitzsäcken und warten gespannt darauf, was auf der Bühne passieren wird.

Dann werden sie gefragt. Sie erfinden. Singen. Zucken. Spielen Rollen. Ziehen gemeinsam durch den Park.

Und am Ende nehmen sie die Instrumente selbst in die Hand.

Aus Zuhören wird Mitmachen. Aus Mitmachen wird Selbermachen. Und aus einem Märchen wird ein gemeinsames musikalisches Abenteuer.