Zwischen Regenschirmen, Bach und jeder Menge Groove
Luca Sestak Trio eröffnet das meetMUSIC Open Air 2026
Manchmal beginnt ein Konzertabend schon lange vor dem ersten Ton. Um 18.15 Uhr steht bereits eine Schlange vor dem Eingang in der Bachstraße. Wenig später ziehen dunkle Wolken auf, bunte Regenschirme öffnen sich und ein kräftiger Regenschauer geht über dem Park von Draiflessen nieder. Das meetMUSIC-Team verteilt zusätzliche Schirme, Tücher zum Abwischen der Stühle und Sitzkissen. Die Gäste kommen in Regenjacken und Ponchos, suchen sich trockene Plätze und versorgen sich an der Bar unter dem großen Stretchzelt mit Getränken und Snacks.
Improvisation ist an diesem Abend also schon gefragt, bevor überhaupt jemand auf der Bühne steht.
Dass diese Aufmerksamkeit ankommt, zeigt sich später auch in den Gesprächen mit den Gästen. „Wir fühlten uns sehr umsorgt. Mit Decken und Schirm. Es wurde für alles gesorgt“, erzählt eine Besucherin nach dem Konzert.
Doch pünktlich zum Auftakt des sechsten meetMUSIC Open Air meint es das Wetter gut: Gegen 19.15 Uhr hat der Regen fast aufgehört. Die Plätze vor der Bühne füllen sich, Lichterketten leuchten zwischen den Bäumen, das Bühnenlicht geht an. Moderator Malte Arkona eröffnet den Abend mit einem Countdown – das Publikum zählt gemeinsam herunter, dann brandet Applaus auf. Isabella van Hamme, künstlerische Leiterin, begrüßt die Gäste zum ausverkauften Auftakt.
Und Luca Sestak? Begrüßt nach dem ersten Stück erst einmal sein „Publikum mit den süßen Schirmchen“.
Einige davon wippen noch zu den letzten Regentropfen im Takt.
Klassiker? Kann man doch noch ein bisschen „optimieren“
Was danach passiert, passt erstaunlich gut zum Beginn des Abends. Denn auch für Luca Sestak ist Improvisation kein Notfallplan, sondern musikalisches Prinzip.
Gemeinsam mit Nicholas Stampf am Schlagzeug und Luca Genze am Kontrabass bewegt sich der Pianist mit beeindruckender Selbstverständlichkeit zwischen Jazz, Klassik, Blues, Pop und Funk. Bach und Chopin stehen ebenso auf dem Programm wie Eigenkompositionen. Mal ist das Spiel leise und konzentriert, dann wieder virtuos, rhythmisch und voller Energie.
Vor allem aber nimmt Sestak die großen Namen der Musikgeschichte nicht ehrfürchtig auf Abstand. Er nähert sich ihnen neugierig und mit reichlich Humor.
Immer wieder erzählt er zwischen den Stücken, was er an seinem Klassiker verändert, ergänzt oder improvisiert hat. Seine eigenen Versionen nennt er mit einem Augenzwinkern gern „Optimierungen“. Und nachdem bereits einige berühmte Komponisten diese Behandlung erfahren haben, kündigt er eine Eigenkomposition trocken als „ein klassisches Stück der Zukunft ohne Optimierungsbedarf“ an.
Das Publikum lacht.
Genau diese Mischung trägt den Abend: große musikalische Könnerschaft, ohne daraus eine große Sache zu machen.
Und plötzlich wird der Park golden
Gegen 20 Uhr verändert sich die Szenerie noch einmal. Nach dem Regen fällt goldenes Abendlicht zwischen den Bäumen hindurch und taucht den Park in eine warme, beinahe unwirkliche Stimmung.
Auf der Bühne wird es zeitweise ganz leise. Sestak arbeitet mit einer Loopstation, nimmt sein eigenes Klavierspiel auf, legt neue musikalische Ebenen darüber und lässt aus wenigen Motiven immer neue Klangräume entstehen.
Selbst an der Bar bekommt die Musik Vorrang. Als eine Besucherin einen Kaffee bestellen möchte, muss sie sich noch bis zur Pause gedulden. Die Kaffeemaschine bleibt während des Konzerts aus – zu laut.
Hörgenuss vor Kaffeegenuss.
Eine kleine Szene am Rande. Und vielleicht gerade deshalb eine, die viel über diesen Abend erzählt.
Drei Musiker, ein gemeinsamer Puls
Nach der Pause begrüßt Niklas Berger, Leiter Veranstaltungsmanagement, die Gäste zum zweiten Teil und dankt allen Beteiligten. Anschließend wird aus dem Konzert für einen Moment ein Gespräch: Malte Arkona plaudert mit Luca Sestak über seine Musik und greift Fragen aus dem Publikum auf.
Sestak erzählt, wie seine Klassikarrangements entstanden sind: aus dem Spielen aus dem Kopf, aus Weglassen, Ergänzen und Improvisieren. Arkona beschreibt das Zusammenspiel von Sestak, Stampf und Genze mit einem treffenden Bild: Das Trio „atmet wie ein Körper“.
Wie unmittelbar dieses Zusammenspiel funktioniert, zeigt sich kurz darauf.
Sestak klebt Streifen auf die Saiten des Flügels und fragt zunächst das Publikum, wie sich dadurch der Klang verändert. Dann wird daraus Musik. Wieder kommen Loops hinzu, der präparierte Flügel klingt plötzlich perkussiver, Nicholas Stampf treibt den Rhythmus voran und Luca Genze legt einen tiefen Bass darunter.
Es groovt.
Köpfe nicken. Füße wippen.
Bach trifft Funk, Klassik auf Session, Komposition auf Improvisation. Und irgendwann ist kaum noch wichtig, in welcher musikalischen Schublade man sich gerade befindet.
Dass diese Spielfreude auch vor der Bühne ankommt, lässt sich nach dem Konzert hören. „Tolle Musik, andere Musik. Von Musikern, die ihre Musik perfekt leben. Das war sensationell“, beschreibt ein Besucher den Abend. Besonders beeindruckt zeigt er sich vom Zusammenspiel der drei Musiker und trifft damit ziemlich genau das, was Malte Arkona zuvor mit seinem Bild vom Trio beschrieben hat, das „wie ein Körper“ atmet.
„Ooooooooh!“
Als es dunkel wird, leuchten die Lichterketten im Park umso heller. Auf der Bühne spielen drei Musiker, die hörbar Freude daran haben, sich gegenseitig musikalische Bälle zuzuspielen. Ohne Noten, mit Raum für spontane Ideen und mit einer Leichtigkeit, die sich längst auf die Menschen vor der Bühne übertragen hat.
Kurz nach 22 Uhr endet das vermeintlich letzte Stück.
Tosender Applaus. Pfiffe.
Die Bühne wird dunkel.
Und aus dem Publikum kommt ein langgezogenes, gemeinsames:
„Ooooooooh!“
Noch soll dieser Abend nicht vorbei sein.
Also kommen Luca Sestak, Nicholas Stampf und Luca Genze noch einmal zurück auf die Bühne.
Eine Zugabe muss sein.
Für zwei Gäste war dieser Abend die erste Begegnung mit meetMUSIC. Ihr Fazit fällt nicht nur begeistert aus – die Fortsetzung ist bereits geplant: „Den neuen Termin für nächstes Jahr haben wir schon notiert. Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein.“
Vielleicht ist genau das der schönste Beweis dafür, dass der Auftakt des meetMUSIC Open Air funktioniert hat:
Ein Abend, der mit Regenschirmen begann und bei dem am Ende niemand so recht nach Hause wollte.










