Erst große Stimme. Dann poetischer Jazz.

Das 100. meetMUSIC-Konzert und ein besonderer letzter Abend im Park von Draiflessen

Manchmal braucht es nicht mehr als zwei Töne.

Zumindest, wenn man Till Brönner glaubt. „Zwei Töne – und ich weiß: Es ist Bill Petry“, sagt er über den Berliner Trompeter. An diesem Samstagabend im Park von Draiflessen sind es natürlich sehr viel mehr als zwei. Warme, weiche, manchmal fast gesungene Trompetentöne. Ein Flügel, Kontrabass und Schlagzeug. Songs, die Geschichten erzählen. Und vier Musiker, bei denen ziemlich schnell klar wird: Hier stehen Könner auf der Bühne.

Doch bevor Bill Petry & Band das letzte Konzert des meetMUSIC Open Air 2026 spielen, gehört die Bühne zunächst einer jungen Musikerin.

Und mit ihr einem ganz besonderen Moment für meetMUSIC.

100 Konzerte und ein Sonderpreis

Bereits ab 18.15 Uhr bildet sich eine Schlange vor dem Eingang an der Bachstraße. Nach und nach füllt sich der Park. Die Gäste versorgen sich an der Bar mit Getränken und Snacks, Lichterketten hängen zwischen den Bäumen und große Kerzen flackern in gläsernen Windlichtern.

Um 19.30 Uhr eröffnen Moderator Malte Arkona und Isabella van Hamme, Künstlerische Leitung des meetMUSIC Open Air, den Abend.

Und diesmal gibt es etwas zu feiern.

meetMUSIC stiftet einen Sonderpreis im Rahmen von „Jugend musiziert“. Damit möchte die Konzertreihe junge Talente fördern, ihnen Auftrittsmöglichkeiten eröffnen und die Chance geben, vor Publikum Bühnenerfahrung zu sammeln.

2026 geht dieser Preis an die 18-jährige Sängerin Laili Sulhdost. Sie stammt aus Charkiw in der Ukraine und lebt seit vier Jahren in Deutschland, wo sie im kommenden Jahr ihr Abitur machen wird. Seit 14 Jahren erhält sie eine stimmliche Ausbildung und bereitet sich aktuell intensiv auf ein Gesangsstudium vor. Als Bundespreisträgerin von „Jugend musiziert“ steht sie nun im Park von Draiflessen auf der Bühne, begleitet von Yoshimi Yamamoto am Klavier.

Händel, ein ukrainisches Volkslied, Gounod, Montsalvatge und schließlich Bizets berühmte Habanera aus Carmen stehen auf ihrem Programm.

Doch ihr Auftritt markiert noch einen zweiten besonderen Moment:

Es ist das 100. meetMUSIC-Konzert.

Isabella van Hamme kommt mit einer großen silbernen „100“ aus Ballons auf die Bühne. Gemeinsam mit Malte Arkona wird die Konfettikanone gezündet. Ein Knall – und bunte Papierschnipsel fliegen über die Bühne.

Ein kleines Jubiläum mitten im Open Air.

Und gleichzeitig ein Blick nach vorn: Beim 100. meetMUSIC-Konzert gehört die Bühne einer jungen Sängerin, die am Anfang ihrer professionellen musikalischen Laufbahn steht.

Wenn die Trompete singt

Gegen 20 Uhr wechselt die Stimmung.

Bill Petry. Trompete. Christian von der Goltz. Piano. Olaf Casimir. Bass. Sebastian Merk. Drums.

Vier Musiker und vom ersten Stück an eine bemerkenswerte Ruhe und Selbstverständlichkeit.

Der angekündigte „poetische Jazz“ macht seinem Namen alle Ehre. Petrys Trompete klingt warm und weich, manchmal zurückgenommen, dann wieder kraftvoll. Die vier Musiker geben einander Raum, Soli entwickeln sich und immer wieder kommt spontaner Zwischenapplaus aus dem Publikum.

Dann erklingt The Sound of Silence.

Für einen Moment wird es beinahe romantisch.

Draußen sind es inzwischen etwa 16 Grad. Die Gäste haben sich in die bereitliegenden Fleecedecken gewickelt, hier und da werden Kapuzen hochgezogen.

Das ist Open Air.

Und natürlich bekommen die Temperaturen auch musikalisch ihren Auftritt. Bill Petry stellt trocken fest, dass die Kälte nicht ohne Folgen für das Material bleibt und meint damit die Instrumente:

„Das Klavier wird höher. Die Trompete wird tiefer.“

Das Publikum nimmt es mit Humor.

Ein Walkman, Sommersprossen und acht Mark

Nach der Pause wird schnell deutlich, dass an diesem Abend nicht nur die Musik Geschichten erzählt.

Bill Petry tut es auch.

Immer wieder führt er mit persönlichen Erinnerungen in seine Stücke hinein. Mal mit einem Augenzwinkern, mal nachdenklich, mal so beiläufig, dass man erst einige Sätze später merkt, wie persönlich es gerade geworden ist.

Eine dieser Geschichten führt zurück in seine Kindheit.

Petry erzählt von seinen Sommersprossen und davon, wie sehr sie ihn damals störten. In einer Apotheke bekam er ein Wachs, das dagegen helfen sollte. Acht Mark kostete es. Bei fünf Mark Taschengeld im Monat eine beträchtliche Investition.

Der besondere Duft dieses Wachses verbindet sich in seiner Erinnerung bis heute mit der Musik jener Zeit.

Und dann hält Bill Petry plötzlich einen Walkman hoch.

Die Kassette von damals besitzt er noch immer.

Wer nach 1995 geboren sei, wisse vermutlich gar nicht mehr, was das eigentlich ist, scherzt er.

Aus einem Geruch wird eine Erinnerung. Aus einer Erinnerung eine Geschichte. Und aus der Geschichte Musik.

Genau solche Übergänge prägen diesen Abend.

Geschichten werden zu Musik

Auch You Don’t Know Me bekommt eine kleine Petry-Einführung.

Der Song erzähle von einer Liebe, die gar nicht erst zustande kommt, weil der andere einen nicht wirklich kennt, erklärt er. Eigentlich immer noch besser, als wenn eine Beziehung daran scheitert, dass jemand einen zu gut kennt, fügt Petry trocken hinzu.

Die Pointe kommt an.

Dann setzt die Musik ein.

Es sind diese Wechsel, die Bill Petrys Konzert so persönlich machen. Zwischen humorvollen Anekdoten stehen immer wieder Geschichten, die tiefer gehen. Erinnerungen und Erfahrungen, aus denen Musik geworden ist.

Und dahinter steht eine Band, die diesen Geschichten musikalisch jede Menge Raum gibt.

Christian von der Goltz am Piano, Olaf Casimir am Bass und Sebastian Merk am Schlagzeug sind weit mehr als Begleiter. Immer wieder treten sie mit eigenen Soli hervor. Das Publikum reagiert mit spontanem Applaus.

Mal singt die Trompete.

Mal erzählt das Klavier.

Dann groovt der Bass.

Und manchmal darf das Schlagzeug einfach ausbrechen.

Und dann klingelt eben kein Wecker

Gegen 22.05 Uhr kündigt Bill Petry das letzte Stück an.

Bevor es beginnt, bedankt er sich.

Nicht routiniert, nicht einfach mit einem schnellen „Danke, Mettingen“. Er erzählt, wie gut er und seine Band bei meetMUSIC aufgenommen und behandelt worden seien. Das sei wirklich außergewöhnlich.

Fast habe er gedacht, sagt er, gleich klingele ein Wecker und alles sei nur ein Traum gewesen.

Aber es ist Wirklichkeit.

Dann noch einmal Musik.

Sebastian Merk dreht am Schlagzeug zum Abschluss richtig auf. Ein langes Solo, noch einmal Energie auf der Bühne, Applaus und Pfiffe aus dem Park.

Natürlich reicht das noch nicht.

Bill Petry und seine Band kommen zurück.

Eine Zugabe.

Ein letztes Stück.

Dann stehen die vier gemeinsam vorn auf der Bühne und verbeugen sich. Das Publikum applaudiert, schließlich wird die Bühne dunkel.

Rundherum leuchten noch immer die Lichterketten zwischen den Bäumen und die Kerzen in ihren großen Gläsern.

Drei Tage meetMUSIC Open Air liegen hinter diesem Park.

Tage mit Regen und goldenem Abendlicht. Mit Bach, Schubert und Brahms. Mit Jazz, Märchen, Akkordeon und Polonaise. Mit Kindern auf bunten Sitzsäcken und Menschen unter Fleecedecken. Mit Gesprächen, gemeinsamem Essen, neuen Begegnungen und ziemlich viel Musik.

Aber diese ganze Geschichte erzählen wir noch.

Für diesen Moment darf erst einmal Bill Petrys Gedanke stehen bleiben:

Vielleicht klingelt kein Wecker. Vielleicht war es einfach wirklich so schön.