Schubert, Brahms und die Kunst der Begegnung

Ein kulinarisches Konzert, bei dem nicht nur Klavier, Violine und Cello miteinander ins Gespräch kommen

Manchmal findet die eigentliche Musik zwischen den Tönen statt. In einem Blick. Einem Lächeln. Einer kleinen Reaktion auf das, was der andere gerade spielt. Beim kulinarischen Konzert des meetMUSIC Open Air lässt sich genau das beobachten: Drei junge Musiker, die eigens für diesen Abend als Trio zusammenkommen und miteinander musizieren, als würden sie sich schon lange kennen.

Doch bevor der erste Ton erklingt, beginnt der Abend ganz entspannt. Ab 18 Uhr trudeln die Gäste im Park von Draiflessen ein, versorgen sich mit Getränken an der Bar und wer es gemütlich mag, nimmt sich eine der bereitgelegten Fleecedecken. Gläser klirren, Menschen stoßen miteinander an, rund um die Tische entsteht geselliges Gemurmel. Im Hintergrund läuft leise Klaviermusik.

120 Plätze gibt es an diesem Abend. Alle sind vergeben.

Und drinnen? Warten bereits stilvoll gedeckte Tische auf die Gäste. Denn dieses Konzert verbindet an diesem Abend Musik und Kulinarik auf besondere Weise: Es wird von einem Drei-Gänge-Menü begleitet und bewegt sich dabei immer wieder zwischen Park und Konzertsaal.

Genuss für die Ohren und für den Magen.

Drei junge Musiker – und Schubert mittendrin

Um 19 Uhr eröffnen Moderator Malte Arkona und Isabella van Hamme, Künstlerische Leitung des meetMUSIC Open Air, den Abend. Eine kleine Anekdote über Johannes Brahms und Anton Bruckner im Wiener Gasthaus „Zum Roten Igel“ schlägt schon einmal die erste Brücke zwischen Musik und Kulinarik, bevor es musikalisch zunächst um einen anderen großen Komponisten geht.

Malte Arkona begrüßt drei junge Männer aus Paris: Martin Jaspard am Klavier, Oscar Hatzfeld an der Violine und Thomas Prechal am Violoncello. Drei international ausgezeichnete Musiker, die sich eigens für das meetMUSIC Open Air zu einem Trio zusammengefunden haben.

Mit auf den Weg gibt Arkona ihnen und dem Publikum einen Satz Robert Schumanns über Schuberts Klaviertrio:

„Ein Blick auf das Trio Schuberts – und das erbärmliche Menschentreiben flieht zurück, und die Welt glänzt wieder frisch.“

Dann beginnt der erste Satz des Klaviertrios B-Dur, D 898.

Und schon nach wenigen Minuten wird sichtbar, dass hier weit mehr passiert als drei Instrumente möglichst perfekt zusammenzuspielen. Die Musiker beobachten einander. Sie suchen Blickkontakt, reagieren, lächeln sich zu. Immer wieder scheint ein musikalischer Gedanke von einem zum anderen zu wandern.

Das ist viel mehr als Spielen. Das ist gemeinsames Musizieren.

Eine Besucherin beschreibt später genau diesen Eindruck: „Es war sehr spannend mit den drei jungen Herren – und zu sehen, wie viel Spaß die dabei hatten.“

Kammermusik als Labor

Nach dem ersten musikalischen Teil geht es hinein. Die Gäste nehmen an den gedeckten Tischen Platz, neue Konstellationen entstehen, Gespräche beginnen und die Vorspeise wird serviert.

Auch im Konzertsaal wartet ein Flügel. Die Musik zieht gewissermaßen mit an den Tisch.

Und mit ihr die Musiker.

Malte Arkona stellt das Trio näher vor und schnell wird klar: Nicht nur musikalisch treffen hier unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. Auch sprachlich wird dieser Abend international. Martin Jaspard und Oscar Hatzfeld antworten auf Französisch, Thomas Prechal – tschechisch-niederländischer Cellist, Komponist und mehrsprachiger Vermittler des Abends – übersetzt für seine Kollegen ins Deutsche.

Die drei haben sich in Paris kennengelernt, erzählt Prechal. Sie seien sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Bei den Proben werde deshalb auch diskutiert. „Es ist immer interessant“, sagt er.

Martin Jaspard beschreibt, warum Kammermusik gerade für Pianisten so wichtig ist. Sie spielen häufig allein. Im Zusammenspiel mit anderen wird Kammermusik deshalb für ihn zu einer Art Labor: ein Ort, an dem man ausprobiert, reagiert und voneinander lernt.

Und plötzlich bekommt das, was draußen auf der Bühne bereits zu beobachten war, eine Erklärung.

Kammermusik lebt vom Zuhören.

Nicht nur auf das eigene Instrument, sondern aufeinander.

Ganz nah dran

Nach der Vorspeise wird weiter musiziert. Thomas Prechal gibt dem Publikum zuvor noch eine kleine Orientierung durch die folgenden Sätze Schuberts: Der zweite sei unglaublich schön, der dritte sehr witzig und im vierten gehe es um Spaß und Humor.

Dann übernehmen wieder Klavier, Violine und Cello.

Im Konzertsaal verändert sich dabei noch einmal die Perspektive auf die drei Musiker. Wer an den vorderen Tischen unmittelbar vor der Bühne sitzt, erlebt nicht nur die Musik aus nächster Nähe, sondern auch die vielen kleinen Zeichen der Kommunikation: Blicke, Gesten, ein Lächeln, das kurze Warten aufeinander.

Eine Besucherin erzählt später, dass sie genau diese Nähe besonders erlebt habe: „Drinnen, da vorne zu sitzen, so unmittelbar – da habe ich es noch mal anders erlebt.“ Man bekomme dort noch einmal mehr von den Interaktionen der Musiker mit.

Und vielleicht liegt darin eine der besonderen Qualitäten dieses Abends.

Vieles von dem, was ihn ausmacht, entsteht im Dazwischen:

Zwischen den Tönen.

Zwischen den Musikern.

Zwischen den Gängen.

Und zwischen den Menschen an den Tischen.

Eine „Service-Sinfonie“ – und dann zurück in die Abendfrische

Vorspeise, Hauptgang, Dessert. Musik, Gespräche und gemeinsames Essen wechseln einander ab und greifen ineinander.

Nach dem Hauptgang leiten Malte Arkona und Niklas Berger, Leiter Veranstaltungsmanagement, in den dritten Teil des Abends über. Berger dankt dabei nicht nur den Künstlern, sondern auch all jenen, die hinter den Kulissen dafür sorgen, dass ein solcher Abend funktioniert: den Service-, Event- und Technikkräften.

Er nennt sie passend die „Service-Sinfonie“ des Abends.

Und dann stellt Malte Arkona eine Frage, die weit über diesen Freitagabend hinausweist:

Was heißt eigentlich meetMUSIC?

Niklas Bergers Antwort ist erstaunlich einfach:

„Sich für und bei Musik treffen.“

An diesem Abend lässt sich ziemlich genau beobachten, was damit gemeint ist.

Denn nach Hauptgang und Dessert ziehen die Gäste wieder gemeinsam nach draußen. Die kühle Abendluft tut gut. Im Park flackern dicke Kerzen in großen Gläsern, Lichterketten leuchten zwischen den Bäumen und die Bühne wartet auf den letzten musikalischen Teil.

Malte Arkona kündigt ihn mit einem Augenzwinkern an:

„Jetzt gibt es Hamburger Brahms in norddeutscher Frische.“

Wenn nach dem letzten Ton niemand aufsteht

Mit Brahms‘ Klaviertrio in c-Moll geht der Abend zurück unter den freien Himmel.

Wieder kommunizieren Martin Jaspard, Oscar Hatzfeld und Thomas Prechal mit Blicken und Gesten, reagieren aufeinander, treiben sich gegenseitig an und lassen Raum. Drei unterschiedliche Persönlichkeiten, drei Instrumente und doch entsteht etwas Gemeinsames.

Auch die Gäste nehmen genau das wahr. Ein Besucher hebt später hervor, wie entspannt er die Atmosphäre erlebt habe: „Dass es nicht so eine große Veranstaltung ist, dass es übersichtlich ist – das finde ich toll.“

Ein anderer ist zum ersten Mal dabei. Sein Fazit: „Eine schöne Umgebung. Schubert fand ich sehr, sehr schön. Kann ich nur weiterempfehlen.“

Und eine weitere Besucherin? Ist beim kulinarischen Konzert bereits Wiederholungstäterin.

Vielleicht sagt auch das einiges.

Gegen 22.10 Uhr endet die Musik. Martin Jaspard, Oscar Hatzfeld und Thomas Prechal werden mit gebührendem Applaus gefeiert. Malte Arkona und Niklas Berger verabschieden die drei Musiker, überreichen Geschenke und beschließen damit offiziell den musikalischen Teil des Abends.

Doch die Gäste machen noch keine Anstalten aufzubrechen.

Sie bleiben sitzen, rücken an den runden Tischen zusammen und lassen den Abend weiter nachklingen. Im Park wird geredet und gelacht, Gläser stehen auf den Tischen, Kerzen flackern und die Lichterketten leuchten zwischen den Bäumen.

Aus dem Konzertpublikum werden wieder Gesprächsrunden.

Vielleicht ist das die schönste Übersetzung dessen, was „Sich für und bei Musik treffen“ bedeuten kann.

Ein Konzertabend, an dem Musik nicht nur zwischen Klavier, Violine und Cello entsteht, sondern auch zwischen den Menschen.